Wappen der Hamburgischen Bürgerschaft

Dr. Christel Oldenburg MdHB

01.11.2021 19:58 Kategorie: Kolumne

Vor 60 Jahren: Anwerbeabkommen mit der Türkei


Grafik: PEadTidBRD-Helferlein, CC BY-SA 3.0, wikipedia.de

Vor 60 Jahren, am 30. Oktober 1961, schloss die Bundesrepublik ein Anwerbeabkommen mit der Türkei. Es war eine pragmatische Vereinbarung aus ökonomischen Gründen – mit prägenden Folgen für die deutsche Gesellschaft.

In einem zweiseitigen Dokument regelte das Auswärtige Amt in Bonn mit der türkischen Botschaft am 30. Oktober 1961 die Entsendung von Arbeitskräften aus der Türkei nach Deutschland: das sogenannte Anwerbeabkommen. Nach den Abkommen mit Italien, Spanien und Griechenland konnten sich nun auch türkische Arbeiter für eine Stelle in Deutschland bewerben. Es kamen Schreiner und Maschinenschlosser, Bauern und Bauarbeiter, Ungelernte und Ausgebildete, Männer und Frauen.

Heute bilden Menschen mit türkischer Herkunft eine der größten ethnischen Minderheiten in Deutschland. Auch in Hamburg prägten in den vergangenen sechs Jahrzehnten die »Gastarbeiter« das öffentliche Erscheinungsbild der Stadt, sorgten für kulturelle Auf- und Umbrüche und trugen wesentlich zum weltoffenen Flair der Hansestadt bei.

Das Anwerbeabkommen von 1961 sollte aus deutscher Sicht einem Mangel an Arbeitskräften entgegenwirken, der sich aus einem Boom der westdeutschen Wirtschaft ergab. Bereits zuvor hatte die Bundesregierung bilaterale Vereinbarungen mit südeuropäischen Staaten über die Anwerbung von Arbeitskräften unterzeichnet, um mit der temporären Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer vor allem dem Arbeitskräftemangel in der Industrie und Landwirtschaft zu begegnen.

Für die Türkei bot das Abkommen die Möglichkeit, die teilweise gravierende Arbeitslosigkeit zu mindern und durch die Zahlungen der Gastarbeiter an ihre Familien in der Heimat an Devisen zu gelangen.

Mit den Jahren wandelte sich auch die soziale Struktur dieser Migrantengruppe. Waren es zuvor zwar nicht nur, aber vor allem Männer gewesen, die auf der Suche nach Arbeit eingewandert waren, kamen nun vermehrt Frauen und Kinder nach Deutschland.

Die sozialen Bedürfnisse veränderten sich, und Fragen der Kinderbetreuung, Schulbildung und der Gesundheitsversorgung gewannen an Bedeutung. Es wurde nun immer deutlicher, dass die als Arbeitskräfte ins Land gekommenen Menschen sich mit ihren Familien hier einzurichten begannen und eine Heimkehr häufig – wenn überhaupt – in eine weite Ferne rückte.

Über Jahre weigerten sich jedoch die deutsche Politik und weite Teile der Öffentlichkeit, die Tatsache anzuerkennen, dass die »Gastarbeiter« und ihre Familien nun auch bleiben würden. Bis 1998 verfolgte die Bundesregierung eine offizielle Politik, die bestritt, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. So gab es auch keine bundesweit konzertierte Ausländerpolitik, von Integrationspolitik ganz zu schweigen.

Erst 2000 wurde das Staatsangehörigkeitsgesetz geändert und restriktive Vorschriften modifiziert. Nun hatten Kinder von nichtdeutschen Eltern unter bestimmten Voraussetzungen das Recht, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Die Bedingung hierfür ist, dass mindestens einer der beiden Elternteile wenigstens seit acht Jahren rechtmäßig in Deutschland lebt und seit drei Jahren eine unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung hat.

Heute stellen Menschen mit türkischer Familiengeschichte die größte Einwanderergruppe, 2,75 Millionen, gefolgt von der polnischen und russischen Minderheit. In einem Festakt zum 60. Jahrestag des Deutsch-türkischen Anwerbeabkommens erinnerte Bundespräsident Steinmeier an den Anteil der ersten Generation am deutschen Wirtschaftswunder und Wiederaufbau und an das, was er sie gekostet hatte – Trennung von Kindern und weiterer Familie, Demütigungen im Anwerbeverfahren und danach.

Auch in Hamburg gibt es Initiativen, das Verdienst der Arbeitsmigranten für die Entwicklung der Stadt zu würdigen: Die Linke-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft etwa setzt sich für ein Denkmal für die Hamburger »Gastarbeiter« und »Gastarbeiterinnen« ein. Ein entsprechender Antrag soll am kommenden Mittwoch, 3. November in der Bürgerschaftssitzung gestellt werden.

Darüber lässt sich sicherlich diskutieren.

Christel Oldenburg