Wappen der Hamburgischen Bürgerschaft

Dr. Christel Oldenburg MdHB

23.02.2021 09:35 Kategorie: Kolumne

Debatte um den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge


Vor etwas mehr als einem Jahr, am 12. Februar 2020, beschloss die Hamburgische Bürgerschaft auf Antrag einer überparteilichen Gruppe von Abgeordneten einstimmig, den Wiederaufbau der ehemaligen Bornplatzsynagoge zu unterstützen – die mächtige, 1906 eingeweihte Hauptsynagoge der Deutsch-Israelitischen Gemeinde wurde bei den Novemberpogromen 1938 schwer beschädigt und 1939 abgerissen. Am ehemaligen Standort der Synagoge, dem heutigen Joseph-Carlebach-Platz, erinnert ein Bodenmonument der Künstlerin Margit Kahl an das Bauwerk.

Wörtlich heißt es u. a. in dem Beschluss der Bürgerschaft: »Die Hamburgische Bürgerschaft bekennt sich zu dem Ziel, das jüdische Leben in Hamburg sichtbarer zu machen und unterstützt die Forderung nach Wiedererrichtung einer repräsentativen Synagoge am ehemaligen Standort der Bornplatzsynagoge.«

Eine vom Bund mit 600.000 Euro finanzierte Machbarkeitsstudie zur Errichtung der Synagoge unterstützt der Senat ebenso, die Ergebnisse der Studie sollen demnächst vorliegen.

Nun hat sich eine lebhafte Diskussion darüber entwickelt, ob der Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge überhaupt eine historisch angemessene Würdigung des jüdischen Lebens in Hamburg (und seines Leidens während der Naziherrschaft) darstellen kann, nicht viel eher Gefahr läuft, die Erinnerung an die Geschichte der jüdischen Gemeinde zu verschleiern?

Auf der einen Seite in dieser Debatte stehen die Befürworter eines Wiederaufbaus der Synagoge, darunter viele Repräsentanten des öffentlichen Lebens, u. a. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher. Die Fürsprecher haben sich in einer »Initiative Wiederaufbau Bornplatzsynagoge« organisiert und werben recht erfolgreich um öffentliche Zustimmung für ihr Anliegen – über 100.000 Unterstützerstimmen haben sie inzwischen gewinnen können.

Für Irritation sorgt indes der Slogan der Initiative: »Nein zu Antisemitismus – Ja zur Bornplatzsynagoge«.
Auf der anderen Seite formieren sich die Kritiker des Wiederaufbaus, maßgeblich um einen Aufruf von ausgewiesenen Historikern: »Für einen breiten, offenen Diskurs über den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge«. Zu den Erstunterzeichnern dieser Stellungnahme gehören etwa Prof. Dr. Ursula Büttner oder die ehemalige Senatorin Dr. Ingrid Nümann-Seidwinkel.

Die Kritiker merken unter anderem an, dass eine historisierende Rekonstruktion der Bornplatzsynagoge auf besondere Weise problematisch sei, dadurch das Resultat verbrecherischer Handlungen unsichtbar gemacht und die Erinnerung an dieses Verbrechen erschwert werde.

Eine Rekonstruktion könnte dann schnell kein Zeichen für einen Sieg über den Nationalsozialismus sein, sondern vielmehr die Illusion erzeugen, »es sei nie etwas geschehen«.

Zudem stören sich die Unterzeichner am Slogan der Befürworter-Initiative – mit der Losung: »Gegen Antisemitismus – Für die Bornplatzsynagoge« verbinde die Kampagne zum Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge zwei Themen, die nicht automatisch miteinander zu tun hätten. Menschen könnten durchaus aus guten Gründen gegen den historisierenden Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge sein und dabei gleichzeitig und nicht weniger vehement gegen Antisemitismus eintreten.

Ähnlich skeptisch äußerte sich kürzlich in Israel eine Gruppe von 45 Künstlern und Historikern mit Hamburger Wurzeln, deren Initiator der Antisemitismusforscher Moshe Zimmermann ist: Für ihn klinge der Slogan »Gegen Antisemitismus – Für die Bornplatzsynagoge« ähnlich sinnbefreit wie »Gegen Rassismus, für den Aufstieg des HSV«.

Die Diskussion um den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge ist also in vollem Gange, bei der leidenschaftlichen Debatte fällt es bisweilen schwer, den Überblick über Befürworter und Gegner des Wiederaufbauprojektes zu bewahren.

Etwas mehr Klarheit dürfte die demnächst anstehende Veröffentlichung der Machbarkeitsstudie bringen, bis dahin heißt es: Abwarten.

Christel Oldenburg

Die nächste Kolumne erscheint wegen der Frühjahrsferien am Montag, 15. März.