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Dr. Christel Oldenburg MdHB

08.02.2021 17:16 Kategorie: Kolumne

Tatsächlich: Im Winter kann es auch kalt werden und schneien


Foto: Wikipedia, Schneemann in Straubing, Bayern – Runologe – CC 3.0

Zur Zeit ist es draußen ein bisschen kälter als in den Vorwochen, die Temperaturen sinken vielerorts auch tagsüber unter den Gefrierpunkt, nächtens sogar noch etwas tiefer. In den nördlicheren Regionen der Republik fiel in den letzten Tagen auch Schnee, bisweilen mehrere Zentimeter. Kräftiger Wind aus Ost/Nordost sorgte lokal für Schneeverwehungen, im Straßenverkehr empfahl es sich für die Autofahrer aufgrund dieser Bedingungen, das Tempo anzupassen.

Diese meteorologischen Phänomene und ihre Auswirkungen auf unser Alltagsleben hängen leicht nachvollziehbar eng zusammen mit dem durchaus gewöhnlichen Umstand, dass bei uns in der gemäßigten Klimazone aktuell die kälteste der vier Jahreszeiten herrscht – es ist Winter. Natürlich ist es Winter im Februar, so what?

Wer sich jedoch in den letzten Tagen die in den Medien allgegenwärtigen Kassandrarufe einer drohenden seltenen Wetterlage mit verstärkten Schneefällen zu Gemüte führte und die damit verbundenen schrecklichen Folgen, der kann sich nur noch an die Stirn fassen und sich fragen, ob wir Wohlstandskinder noch ganz bei Trost sind?

Die Bahn etwa stornierte wegen voraussichtlich starken Schneefalles am Wochenende Zugverbindungen im Fernverkehr, etwa  auf den Strecken zwischen Hamburg und Kiel, Hamburg und Lübeck sowie zwischen Hamburg und Westerland. Da stellt sich schon die Frage, ob die Bahn nicht selbst mit ihrer jahrelangen, auf Gewinnerzielung ausgerichteten Sparpolitik bei Technik und Personal zur Wetteranfälligkeit ihrer Infrastruktur beigetragen hat?

Tatsächlich blieben in Norddeutschland weite Bereiche nördlich der Elbe schneefrei, und sechs bis acht Minusgrade sollten auch zeitgenössische Personen- und Güterzüge verkraften können.

Man erinnere sich – ab dem Herbst 1966 sorgte der damalige Staatsbetrieb Deutsche Bundesbahn mit einem frechen Werbespruch für Aufsehen: »Alle reden vom Wetter. Wir nicht.« 

Ähnlich selbstbewusst fiel damals auch die Fernsehwerbung der Bundesbahn aus, bei der etwa die legendäre E-Lok BR 103 zu Walzerklängen von Johann Strauß durch üppig verschneite Landschaften fährt, der Sprecher aus dem Off kommentiert: »Deutschland sicherstes Anti-Frostmittel: Die Bahn.« Tempi passati …   

Um bei all dem medialen Chaos- und Katastrophengetöse mal wieder etwas die Dimensionen zurechtzurücken, sei hier auf drei bemerkenswerte Dokumentationen verwiesen, die sich um tatsächlich erschwerte Winterverhältnisse drehen:

Zwei Beiträge im öffentlich-rechtlichen Rundfunk behandeln sehr eindrücklich den ungewöhnlichen »Katastrophenwinter 1978/79« (Ansagetext MDR), der zum Jahreswechsel in Norddeutschland und in der damaligen DDR zu einem »Wetter-Chaos« (Ansagetext NDR) führte:

»Eingeschneit und festgefroren« – eine auch dramaturgisch faszinierende Rückschau auf die Auswirkungen dieses Winters vor allem im Norden der Bundesrepublik,

»Sechs Tage Eiszeit – Der Katastrophenwinter 1978/79« – dieser hervorragende Beitrag schildert die dramatischen Konsequenzen des Schnee- und Kälteeinbruches in der damals schon wirtschaftlich und infrastrukturell angeschlagenen DDR.

Ich selbst habe diesen tatsächlich ungewöhnlichen Winter miterlebt, war damals 17 Jahre alt – aber als junger Mensch empfand ich etwa die meterhohen Schneeverwehungen eher als faszinierend denn als bedrohlich.

Wirklich bedrohlich, sogar lebensgefährlich, kann der Winter in anderen Regionen der Welt werden, hiervon handelt die dritte sehenswerte Reportage:

»Die gefährlichsten Schulwege der Welt – Sibirien« – in dieser Region gelten minus 35 Grad noch als mild, Schnee gibt es im Winter eh zuhauf. Dennoch haben es die Menschen dort geschafft, sich auf diese Naturkräfte einzustellen und mit ihnen zu leben.

Ergo sollten wir uns angesichts der relativ harmlosen Wetterumstände hierzulande entspannen und die Kirche im Dorf lassen bzw. damit aufhören, ständig von »Chaos« und »Katastrophe« zu faseln.
Hey, Leute, es ist halt Winter!

Christel Oldenburg